
Im Februar 2022 trafen wir H. (36) zum ersten Mal. Damals lebte die syrische Witwe und Mutter von fünf Kindern allein auf einer Müllhalde in den Bergen des Libanon. Dort versuchte sie, durch den Verkauf von Metall und Plastik aus dem Abfall genug Geld zu verdienen, um sich und ihre Familie irgendwie über Wasser zu halten. Sie lebten zu sechst in einem ungeheizten, baufälligen Hüttchen. Um ihrer Arbeit überhaupt nachgehen zu können, musste H. ihr jüngstes Kind aus Sicherheitsgründen an einen Pfosten binden, da sie niemanden hatte, der verlässlich auf es aufpassen konnte. Die raue Arbeit hatte ihre Hände so tief mit Schmutz und Russ geschwärzt, dass sie ganz dunkel waren und selbst Waschen nichts mehr half. Zusammen mit Borderfree Association konnten wir damals dafür sorgen, dass H. und ihre Kinder in einer einfachen Wohnung untergebracht wurden.
Im Herbst 2025 besuchten wir H. erneut. Die tiefe Verbindung war sofort wieder da. Ihre Lebensbedingungen waren und sind inzwischen zwar etwas besser, aber noch immer äusserst prekär. Das liegt zum einen daran, dass Vermieter*innen die Preise drastisch erhöhen, sobald sie erfahren, dass H. Unterstützung von aussen erhält. Daher muss die Familie weiterhin ständig umziehen. Zum anderen ist kein Geld mehr da, um sie regelmässig zu unterstützen und Angst, Armut und Unsicherheit sind nach wie vor ihre täglichen Begleiter.
In der derzeitigen Wohnung lebt H. mit ihren Kindern in einem einzigen Raum. Den Wänden entlang liegen einige dünne Matratzen. Hier isst und schläft die ganze Familie, werden Hausaufgaben gemacht und die meisten Stunden verbracht. Es gibt weder Bücher, Spielzeug, einen Fernseher noch einen Computer als Zeitvertrieb. Dank eurer Hilfe im Rahmen unserer Syrienreise im Herbst 2025 konnte der Raum diesen Winter zumindest mit einem Ölofen beheizt werden, die Kinder hatten zu essen und durften weiterhin zur Schule gehen – im Gegensatz zum Grossteil der Flüchtlingskinder, die vom Schulsystem ausgeschlossen sind. Das ist überlebenswichtig. Der älteste Sohn ist bereits 13 Jahre alt und wird dank seiner Ausbildung in wenigen Jahren in der Lage sein, für seine Mutter und seine jüngeren Geschwister zu sorgen.
Wir wissen, dies ist nur ein Schicksal unter Millionen. Aber da wir uns seit dem ersten Treffen im Winter 2022 sehr mit H. und ihren Kindern verbunden fühlen, versuchen wir nun, wenigsten für diese Familie genügend Pat*innen zu finden, die uns dabei helfen, sie weiterhin zu unterstützen.
Mit 500 CHF pro Monat können wir die Unterkunft, die Schule, den Transport, das Essen und die Heizung für die Familie bezahlen. Leider ist dies derzeit nur bis im April garantiert. Was danach passiert, hängt von uns und von euch ab. Wenn es uns gelingt, genügend Helfer*innen zu finden, die H. und ihre Kinder gemeinsam mit uns unterstützen, können sie weiterhin über die Runden kommen und zumindest ihre Hoffnung für die Zukunft nicht verlieren.
Vom benötigten Betrag sind 200 CHF pro Monat bereits gesichert. Jetzt suchen wir sechs weitere Personen, die bereit sind, 50 CHF pro Monat beizusteuern. (Idealerweise für mindestens ein Jahr, damit wir langfristig planen und Ersatz suchen können.)
Vielleicht geht es euch ja wie uns, und ihr möchtet trotz und gerade wegen der aktuellen Weltlage etwas ganz Konkretes bewirken, das ohne administrative Verluste das Leben einer ganzen Familie sichert. Aus diesem Grund habe ich nun mit Hilfe eines guten Freundes als Übersetzer die Geschichte dieser beeindruckenden jungen Frau aufgeschrieben, die ihre fünf Kinder allein, ohne Mittel, aber mit enormer Fürsorge und Liebe grosszieht. Das Gespräch war sehr emotional und manchmal schwierig, aber H. war entschlossen, es bis zum Ende durchzuhalten, in der Hoffnung, dass es etwas bewirken würde. Während wir über WhatsApp-Video sprechen, weint sie oft. Ihre Kinder sind immer in der Nähe, hören zu und kuscheln sich an ihre Mutter. Ausser Nassib, der für Borderfree im Libanon arbeitet und H. auch beim Interview eng begleitet, hat H. kaum Kontakt zu anderen Erwachsenen, mit denen sie sich austauschen könnte. Wie bei so vielen Menschen geht auch für H. das Leben in der Fremde nicht nur einher mit Armut und Hoffnungslosigkeit, sondern auch mit einer kaum vorstellbaren Einsamkeit.
Wir hoffen darum von Herzen, dass ihr H. hiermit ein wenig kennenlernen könnt und uns vielleicht helfen möchtet, sie zu unterstützen. Wie erwähnt, ist uns bewusst, dass H.s Geschichte eine von Millionen ist und bei Weitem nicht die Schlimmste, aber es wäre eine grosse Erleichterung und Freude für uns, wenn wir zumindest für diese kleine Familie etwas Nachhaltiges tun könnten.
H.s Geschichte
«Im Moment lebe ich in grosser Angst. Seit dem Ende des Krieges in meinem Heimatland droht meine Schwieger-Familie, mir meine Kinder wegzunehmen. Nach dem Tod meines Mannes wollte sie jahrelang nichts von uns wissen, aber jetzt haben sie uns gefunden. Wenn wir als Familie getrennt würden, wäre dies das absolut Schlimmste, was uns passieren könnte.
Ich bin in einer liebevollen Familie in der Region Aleppo aufgewachsen. Wir hatten alles und lebten in Sicherheit. Mein Vater hatte einen angesehenen Beruf. Er transportierte Güter wie zum Beispiel Lebensmittel und versorgte mich, meine drei Schwestern und meine zwei Brüder mit einem guten Zuhause. Als ich ihn einmal auf einer seiner Reisen begleiteten durfte, traf ich meinen zukünftigen Mann. Wir heirateten kurz darauf. Leider brach nur wenig später der Krieg aus. Unsere Häuser wurden bombardiert und wir mussten sofort vor den Luftangriffen fliehen. Dabei mussten wir alles zurücklassen, was wir besassen.
Es dauerte fünf Tage, bis wir endlich die libanesische Grenze erreichten. Diese Flucht war das entsetzlichste Erlebnis meines Lebens. Wir wussten nicht mehr, wem wir vertrauen konnten und wen wir um Hilfe bitten sollten. Alle waren extrem verängstigt. Wir sahen Menschen, die auf der Strasse abgeschlachtet wurden, und viele andere Dinge, die so unvorstellbar sind, dass ich noch immer nicht darüber sprechen kann. Im Libanon wurden wir dann sehr herzlich aufgenommen. Das war eine immense Erleichterung. Eine Familie nahm uns vorübergehend auf und versorgte uns mit Essen, bevor wir in ein Lager kamen. Wir waren diesen Menschen unvorstellbar dankbar für ihre Güte, da wir ja überhaupt nichts mehr hatten.
Das UNHCR versorgte uns dann mit Zelten und Wasser. Der Platz, auf dem wir unser Zelt aufschlugen, gehörte einer Privatperson, und wie viele andere Familien mussten wir 50 Dollar im Monat bezahlen, um auf dem Grundstück leben zu dürfen – ohne Strom oder sonstige Versorgung. Mein Mann hatte das Glück, Arbeit auf einer Mülldeponie zu finden. Da er jedoch schwer asthmatisch war, waren der Russ und der Rauch sehr gefährlich für ihn. Vor sieben Jahren starb er dann deswegen an einem Lungenversagen. Ich war zu diesem Zeitpunkt mit unserem fünften Kind schwanger und plötzlich komplett allein und mittelos. Weder meine Familie noch die Familie meines Mannes waren damals in der Lage, uns zu unterstützen. In Syrien herrschte immer noch Krieg. Also musste ich versuchen, ohne Hilfe für uns zu sorgen und habe auf der Müllhalde gearbeitet, wo Vanja, Andrea und Seraina uns fanden und wegholten.
Jetzt, da der Krieg vorbei ist, dürfen wir legal im Libanon bleiben, aber seit Oktober gibt es keine Unterstützung mehr von Hilfsorganisationen oder vom Staat. Von meiner gesamten Familie lebt heute nur noch ein Bruder im Exil in der Türkei. Der andere wurde in Sednaya, einem der Gefängnisse von Assad, zu Tode gefoltert. Zu allen anderen Verwandten, Freunden und Bekannten habe ich schon vor langer Zeit den Kontakt verloren. Ich weiss nicht, wer noch lebt und wo. Und meine Beziehung zur Familie meines verstorbenen Mannes ist wie gesagt sehr schlecht. Aus diesen Gründen habe viel zu grosse Angst, um mit den Kindern jemals nach Syrien zurückzukehren. Dort gibt es nichts und niemanden mehr, und meine Schwiegereltern würden sie mir wegnehmen. Darum muss ich hierblieben, denn meine Kinder sind alles, was ich noch habe, und nebst Gott der einzige Grund, warum ich trotz allem nicht aufgebe. Deshalb bin ich so unendlich dankbar um Hilfe von aussen. Sie hält uns am Leben.
Da ich völlig allein bin, kann ich nicht arbeiten gehen, solange die Kinder noch so klein sind. Der Kleinste ist erst sechs Jahre alt. Deshalb sind wir derzeit völlig auf Unterstützung angewiesen. Das ist schwer. Aber ich hoffe so sehr, dass die Kinder weiterhin zur Schule gehen können und bald ein besseres Leben haben. Wie die meisten in ihrem Alter haben sie grosse Träume, zum Beispiel Arzt oder Pilot zu werden. Es schmerzt mich so sehr, dass sie in so grosser Armut aufwachsen müssen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine würdige, sichere Zukunft für sie. Es ist für mich völlig unerträglich, sie so zu sehen und nicht für sie sorgen zu können. Ich hoffe so sehr, dass wir uns hier irgendwann ein würdiges Leben aufbauen können. Vielen Dank an alle, die uns helfen, zu überleben und irgendwann dort anzukommen! Möge Gott sie segnen.»
Anmerkung: Wir kennen den vollständigen Namen von H. und auch weitere Details, haben aber auf H.s Wunsch aus Sicherheitsgründen einiges weggelassen.
Falls ihr uns helfen möchtet, H. zu unterstützen, freuen wir uns von Herzen.
Wenn ihr dabei seid oder noch Fragen habt, schreibt uns einfach eine Mail an andrea@fischer-schulthess.ch
DANKE!
